Es ist Freitag. Abend. Meine Steckdosen versorgen meine Akkus mit Strom. Ich leere einige Speicherkarten und packe sie in meine Tasche. Die Daten auf auf diesen sind bereits zwei Mal gesichert. Gleich schreibe ich noch eine Mail. In der Online-Galerie meiner kleinen Firma ist eine neue Hochzeit online gegangen. Geheim. Passwortgeschützt. Nur für das Brautpaar sichtbar.

Meine Frau schläft bereits. Meine Kinder schlafen längst. Andor, mein Weimaraner-Rüde liegt dösend in seinem Korb. Manchmal macht er die Augen auf. Schaut zum Fenster. Meistens dann, wenn Jugendliche an unserem Haus vorbeigehen. Früher fing er immer laut an zu bellen. Mittlerweile hat er sich wohl dran gewöhnt. Alles ist gut. Freitagabend eben.

Freitag. Abend. Andere gehen raus. Treffen sich mit Freunden. Tanzen in einer Disco oder trinken was in einer Bar. Manche fahren ins Kino. Manche grillen. Andere wiederum sitzen vor dem Fernseher. Früher habe ich das auch mal gemacht. So etwas. In der Art. Mit Kumpels um die Häuser ziehen. Nächtelang feiern. Am nächsten Tag zerzaust erwachen und einfach lachend weitermachen. Aber heute? Heute habe ich dazu einfach keine Zeit.

Ich treffe mich nicht mehr mit Freunden. Ich mache selten Urlaub. Meine Wochenenden sind oft verplant. Hochzeiten. Firmenfeiern. Jubiläen. Nur noch selten ruft mich jemand an, und fragt mich, ob wir etwas unternehmen möchten. Die Meisten haben es aufgegeben. Viele Kontakte habe ich verloren. Manchen Freundschaften sind zerbrochen. Mein bester Freund? Meine Frau. Danach kommt lange nichts.

Und wenn ich darüber nachdenke, heute, jetzt, an diesem Freitagabend, dann könnte ich meinen, dass das alles irgendwie falsch ist. Nicht richtig. Das sich das alles so negativ anhört. So traurig. Aber so ist es nicht. Denn wenn ich eine Sache mit Sicherheit sagen kann, dann diese:

Ich war noch nie so glücklich

Manchmal sitze ich in der Kirche. Irgendwo versteckt. Am Rand. Und doch? Mittendrin. Ich bin dabei, wenn Menschen Ja zueinander sagen. Mehr noch. Ich begleite sie. Den ganzen Tag. Ich bin dabei, wenn der Trauzeuge dem Bräutigam die Manschettenknöpfe anlegt. Ich bin dabei, wenn die Mutter ihrer Tochter beim Anziehen hilft. Ich spüre die Nervosität des Vaters, der Mutter, des Bruders und der Schwester.

Manchmal komme ich an Orte, die einfach wunderbar sind. Gerne erinnere ich mich an den warmen Sand am Timmendorfer Strand, das hervorragende Essen in dem kleinen Landgasthof in der Nähe von Oldenburg, den wunderschönen Garten des Großunternehmers, in dem man sich locker zwei Tage verlaufen könnte.

Ich vermisse nichts. Ich gewinne so viel. Ich erlebe so viele wundervolle Geschichten, ich lerne so viele beeindruckende Menschen kennen, ich sammle Erinnerungen, die mir niemand mehr nehmen kann. Und wenn Du mich fragst, ob ich dafür auf etwas verzichten muss, dann kann ich Dir sagen, das dem nicht so ist. Ich verzichte nicht. Den es gibt nichts, auf das ich verzichten müsste.

Talsperre

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