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Laufen lernt man nur durch Hinfallen.

Als Vater von zwei Jungs denke ich, während ich die beiden beim Spielen beobachte, oft an meine Kindheit zurück. Dabei fallen mir die aufgeschürften Knie ein, die ich mir zuzog, wenn ich wieder einmal irgendwo runter gefallen bin. Zurückblickend kann ich sagen, dass das Fallen zu meiner Kindheit gehörte, wie das Blühen der Blumen im Frühling. Über das Scheitern habe ich mir damals bestimmt keine Gedanken gemacht.

Meine Oma lebte in Neuscharrel. Zusammen mit meinem Opa bewirtschaftete sie dort einen Bauernhof, den nun mein Onkel weiterführt. Als Kinder waren wir oft dort. Fast jeden Sonntag. Und denke ich heute daran zurück, fällt mir die große Walze ein, auf der wir oft gespielten haben. Sehr zum Leidwesen meiner Eltern. Nicht selten fiel ich runter und mindestens genauso oft fiel meine Hose dem Spiel zum Opfer.

Einmal, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, tat ich mir richtig weh. Es war Sommer. Die Sonne schien, der Himmel erstrahlte in seinem schönsten blau und alles in allem war es ein herrlicher Tag. Meine Mutter hatte mir eine kurze Hose angezogen und wir turnten, wie so oft auf der Walze. Doch ein falscher Schritt genügte und ich fiel so, wie ich zuvor nie gefallen war. Mein Schienbein schrammte an einer der scharfen Kanten entlang und das Blut lief in meine Schuhe.

Manchmal muss man scheitern um zu lernen.

Ich weinte. Bitterlich. Und ich schrie. Der Schmerz in meinem Bein war – jedenfalls in meiner Erinnerung – mit nichts zu vergleichen. Zudem tat der Anblick des Blutes, sein übrigens. Meine Mutter tröstete mich. Sie versorgte die Wunde und klebte mir ein Pflaster auf. Etwas später war der Schmerz vergessen. Und einige Tage später bestaunte ich auf eine gewisse Art und Weise die Kruste, die sich an eben jener Stelle zu finden war. Sie hatte die Form eines Pfeils. Zudem hatte ich gelernt. Ich hatte gelernt, welche Stellen der Walze ich besser meiden sollte. Natürlich klettere ich ein paar Wochen später wieder auf ihr herum.

Stolpern, Fallen, zu Boden gehen. Natürlich beschränkt sich dieses nicht ausschließlich auf unsere Kindheit. Im übertragenen Sinn ziehen sich diese Ereignisse immer wieder durch unser ganzes Leben. Manchmal fallen wir durch Prüfungen. Manchmal vermasseln wir eine wichtige Aufgabe. Oder wir enttäuschen Menschen, die uns irgendwie doch sehr am Herzen liegen. Obwohl uns dieses natürlich nie wirklich im Sinn liegt.

Nur nicht am Boden bleiben.

Laufen lernt man nur durch Hinfallen. Doch solange wir immer wieder aufstehen, weitermachen und nicht mal daran denken, aufzugeben, ist das kein Problem. Erst wenn wir beginnen zu flüchten, uns in unseren Betten verkriechen und Angst davor haben, es nochmal zu versuchen, verlieren wir. Es ist immer die Art und Weise, wie wir mit dem Scheitern umgehen.

Im Grunde genommen ist es immer besser, weiter zu machen. Aufzustehen und es noch einmal zu versuchen. Doch sollten wir nicht damit beginnen, unser Scheitern zu rechtfertigen. Immerhin ist Scheitern ein Prozess, den wir uns nicht selten schönreden. Verlieren wir z.B. unseren Job, flüchten wir uns in Ausreden. Wir sprechen davon, dass dieses oder jenes nicht gepasst hat. Oder das wir nun endlich das Leben führen können, welches wir uns immer gewünscht haben. Doch lassen wir dabei oft den Teil aus, der uns eigentlich scheitern ließ.

Als ich von der Walze fiel, verspürte ich diesen Schmerz. Diesen Schmerz in meinem Bein. Dieser Schmerz, der mich über eine Zeit lang daran erinnerte, was ich falsch gemacht hatte. Und nur, weil ich diesen Schmerz eine Weile lang spürte, konnte ich aus meinem Scheitern lernen. Es war für mich wichtig, diesen Schmerz zu spüren. Denn inzwischen weiß ich, dass ich den Schmerz und die Zeit brauchte, um meine Niederlage wirklich zu verarbeiten um mit ihr abschließen zu können.

Die Welt ist voller Scheinwelten.

Es fällt uns schwer zu scheitern. Gerade in einer Zeit, in der alles auf Perfektion getrimmt zu sein scheint. Die Statusmeldungen in den sozialen Netzwerken sind oft frei von Fehlern. Die Fotos der Menschen, die wir auf Instagram verfolgen, sind meist makellos und gerade zu traumhaft. Doch oft verbergen sich hinter diesen Geschichten und Bildern nur Scheinwelten, die gekonnt darauf abzielen, die Realität zu verschleiern. Besser ausgedrückt, mit schönen Geschichten und traumhaften Fotos lässt es sich besser verkaufen.

Trotzdem sollten wir uns nicht davon blenden lassen. Hinter jedem schönen Foto, hinter jeder tollen Geschichte, steht immer noch ein Mensch. Ein Mensch, wie Du und ich. Und obwohl wir alle unterschiedlich sind, so sind wir doch, auf gewisse Art und Weise gleich. Wir alle scheitern. Wir alle fallen. Obschon wir es nicht gerne zugeben möchten.

Vielleicht sind die Leitbilder schuld, die uns die Gesellschaft immer wieder vor Augen hält. Und vielleicht sind die Vorstellungen darüber, was man ab einem gewissen Alter erreicht haben sollte, einfach falsch. Dinge bleiben niemals wie sie sind. Alles verändert sich. Jeden Tag. Schließlich ist die Veränderung ein natürlicher Prozess des Lebens. Infolgedessen sollten wir vielleicht darüber nachdenken, uns von alten Leitbildern zu verabschieden. Denn eines sind sie ganz sicher nicht: Richtig.

Wagnisse eingehen. Risiken begegnen.

Enttäuschungen sind normal, wenn wir uns dazu entschließen, Wagnisse einzugehen. Niederlagen können ein Ergebnis von Risiken sein. Und oft ist es so, dass Menschen, die ihr Leben auf gewisse Weise „mutig“ gestalten, von anderen als erfolgreich wahrgenommen werden. Jedoch ist es so, dass diese „mutigen Menschen“ viel häufiger scheitern, als es andere tun. Der Unterschied ist nur, wie diese damit umgehen.

Niemand macht gerne Fehler. Niemand scheitert freiwillig. Es wäre dumm zu behaupten, dass Scheitern etwas Gutes wäre. Im Grunde genommen sind Fehler, Niederlagen eben keine schönen Angelegenheiten. Jedoch kann man Fehler viel leichter akzeptieren, wenn man weiß, dass man aus ihnen lernen kann. Wenn man sie zulässt, sich nicht in Rechtfertigungen verliert und den Schmerz nicht verdrängt.

Wie ich mit meinen Fehlern umgehe? Früher war es so, dass ich sie verleugnet habe. Oder mich in Rechtfertigungen verstrickte. Manchmal gab ich anderen die Schuld für mein Versagen. Im Grunde genommen habe ich versucht, mich selbst zu schützen. Um eben nicht dumm dazustehen. Heute erlaube ich mir genau das. Dumm dazustehen. Ich spreche darüber, wenn etwas schiefgeht. Manchmal bin ich wütend. Manchmal traurig. Ich lasse den Schmerz zu und reflektiere all das, was ich falsch gemacht habe.

Und dann denke ich in den kleinen Jungen in mir. Der von der Walze fiel. Der sich ein blutiges Schienbein holte. Und der schon, kurze Zeit später, wieder auf der Walze spielte. Weil der Schmerz vergangen war und er daraus gelernt hatte. Ich denke an den Jungen, der damals schon eine Sache wusste. Es geht weiter.


Foto: Ich als kleiner Junge im Garten meiner Eltern. Wahrscheinlich war ich wieder Mal gefallen.

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