Lungenkrebs

Nehmen wir einfach mal an, es ist dunkel. Du läufst durch eine Gasse. In einer Stadt. Es regnet. Und du bist alleine. Plötzlich hörst Du ein Geräusch. Irgendwas ist umgefallen. Zerbrochen. Sind das Schritte? Sind das Stimmen? Plötzlich glaubst Du, dass Dich jemand verfolgt. Du malst Dir alles in Deinem Kopf aus. Du machst Dir Gedanken. Du bekommst Angst. Kennst Du das? Dieses Gefühl? Dieses beklemmende Gefühl, das Dir den Atem nimmt? Und manchmal geschieht Dir genau das in einem Wartezimmer.

Ich habe mir nie viel bei diesem Husten gedacht. Es wird eine Erkältung sein. So eine, wie man sie im Sommer häufiger mal bekommt. So eine, die man nicht so einfach loswird. Weil man keine Zeit hat, um sie auszukurieren. Oder weil man sich keine Zeit nimmt. Das wird schon nichts sein. Ein paar Tage Ruhe. Eine heiße Milch mit Honig. Einfach mal abschalten. Dann hat man die Sache wieder im Griff. Aber nicht jetzt. Später. Wenn man Zeit hat.

Und so habe ich mich durch die Tage geschlagen. An den Wochenenden, zu den Hochzeiten, in den Kirchen, war es besonders schlimm. Ausreichend trinken. Kaugummis. Einfach nicht dran denken. Nur nicht auffallen. Und wenn es dann zu schlimm wird, einfach kurz rausgehen. Zusammenreißen. Männergrippen sind gar nicht so schlimm. Alles Kopfsache. Zwischendurch mal eine rauchen. Hilft wahrscheinlich. Irgendwie. Vielleicht. Glaubt man.

Geraucht habe ich immer gerne. Hat mir irgendwie Spaß gemacht. Keine Ahnung. Vielleicht war es nur die Sucht, die mich hat Glauben lassen, dass Rauchen schön ist. Wahrscheinlich. Ich habe auch des Öfteren versucht, aufzuhören. Ich habe es versucht, weil ich es nicht wollte. Und wenn man es nicht wirklich will, dann versucht man eben. Guten Willen zeigen. Klappt schon. Irgendwie. Aber wenn Deine Ärztin Dir sagt, dass Du mit dem Rauchen aufhören musst, dann machst Du es. Du hörst einfach auf. Du legst die Zigaretten weg, denkst vielleicht noch einmal dran, aber das war es schon. Jedenfalls erging es mir so.

Der Husten. Eine doofe Sache. Und weil es schlimmer statt besser wurde, ging ich zum Arzt. Zu meiner Ärztin. Sie untersuchte mich. Sie hörte mich ab. Sie schaute mir in den Rachen. Eine Erkältung? Eine Grippe? Sitzen die Bronchien vielleicht dicht? Alles nichts. Man sieht nichts. Man hört nichts. Und trotzdem ist er da. Der Husten. Sie ist einen Augenblick lang still. Sagt nichts. Schaut kurz auf dem Fenster und notiert sich etwas in ihren Unterlagen.

Das Wartezimmer war meine dunkle Gasse

„Wir müssen Deine Lunge röntgen.“ Sie schrieb mir eine Überweisung und schickte mich ins Krankenhaus. Weiter sagte sie nichts. Und ich fragte nicht. Manchmal muss man nicht fragen. Manchmal hat man einfach diese Idee. Und dann fährst Du ins Krankenhaus, meldest Dich, bist freundlich und wirst gebeten zu warten.

In dem Wartezimmer, das eigentlich kein Zimmer ist, sondern eine Reihe von Stühlen auf einem Flur, saßen viele Menschen. Den meisten Menschen konnte man ansehen, wo der Schuh gerade drückte. Der Mann, der sich seine rechte Hand ganz auffällig hielt, hatte sicherlich nichts mit dem Fuß. Die Frau hingegen, die nicht richtig gehen konnte, wird sicherlich etwas mit diesem gehabt haben. Und ich? Ich sitze dazwischen. Keine Hand im Verband. Kein Fuß im Gips. Keine Krücken. Als mich jemand fragte, was bei mir denn geröntgt werden müsste, sagte ich: „Die Lunge.“ Schweigen. Gesengte Blicke.

Vielleicht bildete ich mir das nur ein. Vielleicht war das alles gar nicht so. Aber irgendwie kam es mir vor, als gingen alle Menschen davon aus, dass ich sterbenskrank wäre. Darüber dachte ich nicht nach. Ich musste doch nur husten. Und plötzlich war da dieses Geräusch. Diese Schritte. Diese Umrisse. Was wäre wenn? Und vielleicht ja doch. Ich? Jetzt? Nein. Oder vielleicht doch. Lungenkrebs sieht man auf Röntgenbildern. Als erstes werden Röntgenaufnahmen gemacht. Husten? Kann ein erstes Symptom sein. Kurzatmigkeit auch. Und was ist wenn? Ich kannte Menschen mit Lungenkrebs. Ich kenne keinen, der es überlebt hat. Was ist mit meiner Familie? Meinen Jungs? Meiner Frau?

[headline]Plötzlich wirst du verfolgt. In der Gasse. Da ist jemand. Da bist du dir sicher. Und dieser jemand möchte dich überfallen. Er will nicht nur dein Geld, er will dein Leben. Weil es einfach so ist. Du hast nicht mehr lange. Und du glaubst, das Messer schon an der Kehle zu spüren. Die Kugel schon im Rücken.[/headline]

Herr Luttmann? Bitte Kabine drei.

„Bitte machen Sie ihren Oberkörper frei. Wir müssen die Lunge röntgen.“ Das wusste ich schon. Ich sagte aber nichts. Sie konnte nichts für meine Angst. Sie konnte nichts für mein Rauchverhalten. Für all das, was mir geschieht, bin ich selbst verantwortlich. Ich setzte mich auf einen Hocker. Sie machte eine Aufnahme von der Vorderseite und eine von der Seite. Als ich fragte, warum man denn von der Lunge ein Röntgenbild erstellt, sagte sie mir, dass die Lunge keine Schmerzen fühlt. Im Gegensatz zum Magengeschwür, zu den Bandscheiben oder anderen Leiden, fühlt man in der Lunge nichts. Lungenkrebs zum Beispiel, so sagte sie, verursacht erst Schmerzen, wenn es zu spät ist. Dann schaute sie mich an. Das heißt nicht, dass sie Lungenkrebs haben. (Denke mal jetzt NICHT an ein Stück Pizza.)

Lungenkrebs

Sie hatte es ausgesprochen. Dieses Wort. Lungenkrebs. Und ich machte mir wieder Gedanken. Über alles. Irgendwie. Dann sagte sie mir, dass meine Bilder fertig seien. Wenn ich wollte, könnte ich noch kurz mit dem Arzt sprechen. Das wollte ich. Unbedingt.

Natürlich musste ich wieder warten. Was nicht schlimm ist. Doch. Irgendwie schon. Gerade dann, wenn man sich selbst so verrückt macht. Aber in manchen Momenten ist das einfach so. Man macht sich verrückt. Man hat Angst. Und das ist vollkommen normal. Oder?

Es war, als hätte der Arzt meine Angst gespürt. Denn es dauerte nicht lange. Ich war vor allen anderen dran. Der Arzt führte mich in sein Sprechzimmer, befestigte die Röntgenbilder an der Lichtwand und warf noch einen Blick drauf. „Herr Luttmann. Mit ihrer Lunge ist alles in Ordnung. Keine Entzündungen. Kein Krebs. Der Husten muss einen anderen Grund haben. Rauchen Sie?

Ja“, sagte ich. „Aber ab jetzt nicht mehr.

 

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