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Kinder sollen Kinder sein.

Die kleinen Kinder sind ganz aufgeregt. Es ist so viel los. Sie sind so schick angezogen. Und alles ist irgendwie anders. Auch Mama und Papa sind so anders. Sie sorgen sich darum, dass die Kleinen gut aussehen. Nicht nur auf den Fotos. Die Klamotten sollen sauber bleiben. Sauber. Aber vor allen Dingen heil. Und während sie sich Sorgen machen, lachen die Kids. Sie toben, spielen, lachen und freuen sich. Ich drücke auf den Auslöser und habe ein strahlendes Lachen der Kinder auf dem Foto. Nur die Mama im Hintergrund schaut böse aus der Wäsche. Weil sie sich Sorgen darübermacht, wie die Fotos am Ende wohl aussehen werden.

Hand aufs Herz? Meistens sind es die Eltern, die ein Foto versauen. Meistens, weil sie die Kinder in eine Richtung drücken möchten, die ihrer Meinung nach am besten aussieht. Und selbst wenn die Kleinen dann still, ordentlich und erwachsen stehen oder sitzen, sind sie eines nicht. Kinder. Kinder toben und spielen. Sie springen, lachen und machen sich dreckig. Die Klamotten gehen kaputt. Sie erkunden ihre Umwelt und die ist nicht immer sauber. Manchmal gibt es Tränen. Manchmal blaue Flecke. Aber all das gehört zum Groß werden dazu. Zum Groß werden. Erwachsen werden sie früh genug. Vielleicht zu früh. Im besten Fall aber nie.

Eltern wollen so oft, dass ihre Kinder gut aussehen. Auf den Fotos, die irgendwann zu Erinnerung werden. Und nicht selten tun sie genau das Gegenteil. Sie ermahnen ihre Kinder still zu sitzen. Sie verlangen, dass sie lachen. In die Kamera schauen. Ordentlich sind. Aber mal ganz ehrlich? Sind das die Kinder, die Erinnerungen, die man behalten möchte? Ist es das, was Eltern wirklich wollen oder ist das nur die Vorstellung davon, wie ein Foto aussehen soll, weil man es vielleicht immer so gemacht hat?

Wenn Du jetzt nicht lachst, dann…

Es ist schon ein paar Jahre her. Eine Familienfeier. Ein Augenblick. Das Wetter hat mitgespielt. Die Leute waren gut drauf, die Kinder haben getobt, gespielt und waren glücklich. Dann sollten ein paar Familienfotos gemacht werden. Die Großmutter holt ihren Enkel. Ich kann nicht genau sagen, wie alt er gewesen ist. Vier. Fünf. So in etwa. Sie holt ihn, stellt ihn vor seine Eltern. Eigentlich hat er gar keine Lust. Aber muss. Und das sieht man ihm an. Ich hatte vorgeschlagen, die Eltern zu dem Jungen zu schicken. Das sie gemeinsam etwas spielen. Nein. Es sollten ordentliche Fotos sein. Ordentlich. Nicht authentisch.

Die Großmutter stellte den Jungen vor seine Eltern. Dann schaute sie von oben auf ihn herab, hob den Zeigefinger und sagte: „Wenn Du jetzt nicht lieb bist, in die Kamera schaust und lachst, dann bekommst Du gleich kein Eis. Wir werden alle Eis essen. Nur Du nicht.“ Ich konnte nichts mehr machen. Nichts mehr retten. Die Situation war gelaufen. Der Junge weinte, die Mutter war genervt, die Oma richtig angepisst. Jetzt hätte ich authentische Fotos schießen könne. Aber die wären weder ordentlich noch schön gewesen. Allerdings ein Spiegel der Realität. So schnell kann man Situationen versauen.

Aber was habe ich getan? Ich habe die Oma zur Seite genommen und das Gleiche mit ihr gemacht. Auch auf die Gefahr hin, von der Familienfeier verwiesen zu werden. Ich habe sie an die Hand genommen, bin mit ihr ein paar Schritte gegangen und sagte zu ihr: „Wenn Du jetzt nicht damit aufhörst, hier künstlichen Stress zu erzeugen, die Leute zu kommandieren und Druck aufzubauen, wird Deine Tochter keine schönen Fotos von diesem Tag haben. Alle werden schöne Fotos haben, nur Deine Tochter nicht.“

Manchmal muss man die Wahrheit sagen. Auch wenn man Gefahr läuft, alles zu verlieren.

Die Oma schaute mich mit den giftigsten Augen an, die ich je gesehen habe. Innerlich hatte ich schon meine Tasche gepackt und bereitete mich aufs gehen voll. Ein Auftrag voll in den Sand gesetzt. Allerdings kam es anders. Eine kleine Träne kam aus ihren Augen. Sie legte ihre Hand auf meinen Arm und sagte mir: „Oh. Mein. Gott. So hat mir das noch keiner erklärt. Ich habe da wohl was falsch gemacht.“ Dann ging sie los und holte ihrem Enkel ein Eis. Mit diesem kam er freudestrahlend über den Rasen gelaufen, stellte sich vor seine Eltern und lachte. Das Lachen steckte seine Eltern an, die sich darüber freuten, dass ihr Sohnemann so strahlte.

Beide gingen sogar runter und nahmen den kleinen, großen Mann in den Arm. An mich hatte in dem Augenblick keiner mehr gedacht, was mein persönliches Glück war. Denn anstatt den Augenblick mit meinen eigenen Augen zu genießen, was manchmal so viel schöner ist, drückte ich auf den Auslöser. Und genau dieses Foto steht nun auf dem Schrank im Wohnzimmer. Eingerahmt in einem wunderschönen Rahmen. Als eine der schönsten Erinnerungen an diesen einen Tag.

Man sollte das Leben nicht so ernst nehmen. Man kommt da eh nicht lebend raus.

Manche Feierlichkeiten sind so steif, dass einem da schon bange werden kann. Es gibt anscheinend ungeschriebene Gesetze, die vorschreiben, wie ein Tag ablaufen muss. Oder was man tragen muss. Und natürlich, wie man sich verhalten muss. Und oft sind es die vermeintlich schönsten Tage im Leben, die von Anfang an so kaputt geplant werden, dass sie am Ende eben doch nur durchstrukturierte, auf Hochglanz polierte Tage sind. Tage die schön aussehen, aber vielleicht doch keine Seele haben.

Und genau so ist es oft mit Familienfotos. Man hat eine Vorstellung, wie ein Familienfoto auszusehen hat. Alle stellen sich fein auf, lachen in die Kamera und am Ende hat man ein Foto, das zwar schön ist – aber eben doch irgendwie seelenlos. Nur das wir uns nicht falsch verstehen: Ich halte Gruppenfotos für wichtig. Ich finde, sie sind eine tolle Sache. Die Bedeutung dieser Fotos wird erst oft nach Jahren oder Jahrzehnten deutlich. Wenn die Veränderungen, die das Leben mit sich bringt, sichtbar werden. Aber am schönsten sind die Fotos, die nicht geplant sind. Die einfach so entstehen. Aus dem Augenblick heraus.

Die Fotos, auf denen die Kinder toben. Bilder, auf denen Kinder über Wiesen rennen, sich im Sand dreckig machen oder manchmal auch die, auf denen sie weinen, weil sie sich gefallen und das Knie gestoßen haben. Die Fotos, in denen die Mama oder der Papa das Kind tröstend in den Arm nehmen und ihm erzählen, dass der Schmerz wieder vergeht. Die Bilder, auf denen man sieht, dass die elterliche Liebe am Ende doch über allem steht und dass die Kinder Vertrauen haben. Vertrauen darauf, dass Mama und Papa doch recht haben und nach dem Regen wieder die Sonne scheint.

Kinder sollen Kinder sein.

Als Vater von zwei Kindern, die noch ziemlich jung sind, kann ich vielleicht nicht wirklich mitsprechen. Über Erinnerungen. Über Geschichten. Oder über das, was Eltern so erleben. Aber das, was ich erlebt habe, darüber kann ich erzählen. Daran kann ich mich erinnern. Und wenn ich mich erinnere, dann sind es die Geschichten, die eben nicht perfekt sind. Die Geschichten, in denen unsere Jungs eben das gemacht haben, was sie vielleicht nicht tun sollten.

Eine Geschichte kann ich erzählen. Hinter unserem Haus, direkt an der Terrasse befindet sich eine Mauer. Mein ältester Sohn, damals zwei Jahre, balanciert über diese Mauer. Auf der einen Seite geht es gut einen halben Meter nach unten. Direkt aufs harte Pflaster. Ich als Vater habe natürlich Angst in dem Moment, in dem ich sehe, wie er über diese ca. 50 cm breite Mauer balanciert. Schnell laufe ich hin. Halte ihn fest. Und ich sage ihm, dass er das nicht darf. Er kann sich doch nirgends festhalten. Ganz erschrocken schaut er mich an. Dann lacht er. „Papa. Ich halte mich doch fest.“ Darauf schaue ich natürlich ungläubig. Er kann sich nicht festhalten. Nirgends. „An meiner Hose Papa. Ich halt mich doch an meiner Hose fest.“

Was sollte ich da sagen? In diesem Moment? Ich habe ihn laufen lassen. Auf der Mauer. In einem sicheren Abstand. Er balancierte über die Mauer, als hätte er nie etwas anderes getan. Ganz ohne Angst. Ganz sicher. Im festen Glauben, dass er sich festhält und ihm deshalb nichts passieren kann. Er glaubte in diesem Moment an sich selbst. Das wollte ich ihm nicht nehmen.

Plötzlich sind die Kinder groß.

Natürlich brauchen Kinder Grenzen. Ich glaube, darüber müssen wir nicht diskutieren. Und wir als Eltern sind nicht die besten Freunde. Wir sind Eltern. Und manchmal müssen wir Dinge tun, die unseren Kindern nicht gefallen. Das ist einfach so. Aber ich bin eben auch der Meinung, dass Kinder, Kinder sein sollten. So wie Kinder nun einmal sind. Ich bin der Meinung, dass wir sie nicht zwingen sollten zu lachen, wenn sie vielleicht gerade nicht lachen wollen. Ich denke, wir sollten sie nicht zwingen, in die Kamera zu schauen, wenn vielleicht gerade an anderer Stelle etwas passiert, was wesentlich spannender ist. Das zerstört nur den Augenblick. Den Augenblick, der so niemals wiederkommt. Kinder werden so schnell groß und viel zu schnell erwachsen. Und ich glaube, dass vergessen wir viel zu oft.

Was denkst Du darüber? Wie ist Deine Meinung dazu?
Das würde mich interessieren und wenn Du Lust hast, dann schreib mir doch Deine Meinung in die Kommentare. Darüber würde ich mich freuen. Ganz bestimmt. 

 

Auf Wiedersehen mein treuer Freund
Eine laue Sommernacht

1 Kommentar

  1. Monika
    29. Mai 2017 at 13:54 — Antworten

    Sehr schön geschrieben. Ich finde von den Kindern wird heutzutage soviel erwartet. Meine Kleine gehtcib due erste Klasse und meine Grösse in die Realschule und wenn ich sehe was von denen erwartet wird, dann bin ich froh in der heutigen Zeit kein Schüler mehr zu sein. Und dann freue ich mich umsomehr, wenn meine Kinder in der Freizeit noch richtig Kinder sein können.

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