Die Lichter der kleinen Vorstadtkneipe erhellen die Dunkelheit der Nacht. Ganz am Rande unseres Ortes leuchten sie aus den Fenstern, vor denen ich kurz innehalte. Hinter den Fenstern sitzen Männer. Sie lachen. Sie trinken. Manche gestikulieren wild, als würden sie die Notwendigkeit ihrer Worte mit ihren Taten unterstreichen. Der kalte Wind mahnt mich weiter zu gehen, nicht stehen zu bleiben. Und so treibt mich mein Schritt wieder in die Dunkelheit der Straßen, denn die Welt hinter den Fenstern ist nicht meine Welt. Und sie war es nie, denn in jener Zeit, in der ich dieses glaubte, hielt eine Lüge meine Hand.

Mein Weg führt mich in jeder Nacht durch die Straßen der Siedlung. Immer wieder drehe ich meine Runden. Manchmal trete ich in eine Pfütze und komme mit nassen Füßen nach Hause. Manchmal knicke ich um, weil ich ein Loch in der Dunkelheit nicht wahrnehmen konnte. Ich komme ins Stolpern, doch fange mich unmittelbar danach selbst auf. Manchmal sehe ich Menschen im Licht der Turnhalle stehen. Männer, die nach dem Training ihr Bier trinken, lachen und sich lustige Geschichten erzählen. Manchmal ziehe ich meinen Kragen höher und bin kurz danach ungesehen verschwunden.

Es ist die Einsamkeit, die meine Hand hält. Und kein anderer Begleiter ist an meiner Seite. Manchmal steht der Mond mir zur Seite und schenkt mir sein Licht, damit ich nicht auf den harten, kalten, nassen Boden falle. Doch er ist wie ich. Rastlos. Ruhelos. Immer auf der Suche nach Veränderung. Und könnte er sprechen, so würde er nichts sagen. Er würde da sein und meinen Gedanken lauschen. Ohne eine Wertung. Ohne ein Urteil. Er wäre nur da und würde zuhören. So, wie ein wahrer, echter Freund.

Die frische Luft zieht in meine Lungen. Der kalte Wind rüttelt an meiner Jacke, deren Aussehen mehr Wärme verspricht, als sie es jemals halten kann. Mein Herz pumpt langsam Blut durch meine Venen. In meinem Kopf werden Worte zu Geschichten. Geschichten zu Bildern. Die Einsamkeit funktioniert. Ich funktioniere. Und das, was mir wichtig ist, nimmt langsam Form an. Vielleicht finde ich irgendwann zu mir selbst. Vielleicht werde ich irgendwann zu dem, was ich bin. Aber noch ist meine Reise nicht zu Ende. Die Suche nicht abgeschlossen.

Früher oder später – so sagt er zu mir – kommt der Zeitpunkt an dem Du erwachsen werden musst. Er sagt, dass ich lernen muss, dass aufzugeben, was ich will, damit ich mich für das entscheiden kann, was richtig ist. Doch vielleicht ist das gar nicht so einfach. Vielleicht ist ein Leben ohne Wandel für mich eine Unvorstellbarkeit. Und vielleicht ist es ja so, dass sich dieses im Laufe der Jahre für mich zu einer Last entwickelt, die irgendwann einfach zu schwer wird. Und vielleicht ist das Richtige nicht das Beste. Vielleicht ist das nur so, weil Menschen sagen, dass es so sein sollte. Doch das, was die Menschen sagen, muss nicht immer richtig sein.

Und doch frage ich mich, was ich wirklich will. Wohin mein Weg geht. Ich habe so viel begonnen und so viel abgebrochen. So viel versucht und so oft aufgegeben. Es gab Tage, da habe ich mit mir selbst gekämpft. Und man ist sich selbst der schlimmste Gegner. Der schlimmste Gegner, den man sich nur vorstellen kann. Es gab Augenblicke, da habe ich mich selbst gehasst. Momente, in denen ich mich so sehr belügt habe, dass ich es selber nicht gemerkt habe. Doch so langsam habe ich gelernt, „Verzeih mir“ zu sagen. Zu mir. Zu anderen. Zu den Umständen. Und wenn Du mich jetzt fragst, was ich wirklich möchte, was ich wirklich will, dann kann ich Dir eine Antwort geben. Ich möchte schlafen. Richtig schlafen. Tief. Fest. So, wie ich schlief, als ich ein kleiner Junge war. Und wenn Du mir einen Wunsch erfüllen kannst, dann diesen. Nur noch ein einziges Mal…

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