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Ich bin schuld am Tod des Bären

In der Unendlichkeit des Kosmos treibt ein Staubkorn. Wahrscheinlich ein Staubkorn unter Milliarden von Staubkörnern. Die Wesen, die auf diesem leben, haben ihm den Namen Erde gegeben. Und seit Jahrtausenden geschehen dort Dinge, die man sich eigentlich nicht ausdenken kann. Den größten Teil der Zeit verbringen die Wesen, die sich selbst als Menschen bezeichnen, damit sich zu beschimpfen, bekämpfen und zu bekriegen.

Wäre ich ein außenstehender Geist, wahrscheinlich würde ich so über die Erde sprechen. Über die Erde und die Menschen, die auf diesem Planeten leben. Denn ganz ehrlich? Mittlerweile bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich glaube, das Spiel nicht mehr zu verstehen. Wirklich. Ich komme mir gerade ziemlich dumm vor. Nicht aufgrund der großen Weltpolitik. Nicht aufgrund der Tatsache, dass sich Menschen im Namen eines unsichtbaren, großen Freundes gegenseitig abschlachten. Nein. Einfach aufgrund der Tatsache, dass sich Menschen im Internet gegenseitig beschimpfen, Schuldzuweisungen zusprechen, sich gegenseitig niedermachen, obwohl sie sich nicht einmal kennen, geschweige denn je miteinander gesprochen haben. Das soll man jemand kapieren.

Der Bär in Osnabrück ist wegen mir getötet worden.

Am Sonntag schrieb ich einen Text über den Tod des Bären im Osnabrücker Zoo. Über 20.000 Menschen haben meinen Artikel gelesen. Leser haben den Artikel kommentiert und in diversen Foren wurde darüber diskutiert. Dementsprechend war mir klar, dass meine Worte bzw. die Tatsache, dass der Bär leider sein Leben verloren hat, nicht nur positive Resonanzen bringen würde. Das ich allerdings am Tod des Bären schuld sei, damit hätte ich nicht gerechnet.

Jedenfalls behauptet Luca, dass ich den Tod des Bären zu verantworten hätte. Er schrieb, dass ich schuld am Tod des Bären sei. Unter anderem. Im Grunde genommen schrieb er, dass wegen Menschen wie mir die Bärin sterben musste, was aber eigentlich auf das Gleiche hinauskommt.

Ich mache Luca keinen Vorwurf. Es ist seine Meinung. Seine Wahrheit. Im Grunde genommen trägt Luca ein zentrales Problem mit sich herum, dass viele Menschen in sich tragen. Mir geht es da ähnlich. Ständig urteilen wir über Gut und Böse. Wir urteilen über uns selbst, über andere Menschen und über die Situationen, die uns im Leben widerfahren. Und das Problem an der Sache ist, was für Luca gut ist, kann für mich möglicherweise schlecht sein. Anders gesagt, was für Luca schlecht ist, kann für mich gut sein. Und da dieses eine Tatsache darstellt, ist der Konflikt vorprogrammiert.

Doch woher kommt dieses Problem?

In meinem Fall ist es so. Ich wuchs in einem kleinen Dorf auf. Unsere Grundschule war damals eine katholische Grundschule. Der Religionsunterricht hatte dementsprechend einen festen Platz im Unterricht. Dort lernten wir die Geschichte von Adam und Eva. Es hieß, sie haben vom Baum der Erkenntnis gegessen. Und mit der Erkenntnis kam die Lehre von Gut und Böse. Und eigentlich fing so alles an. Mit einem leichten Augenzwinkern.

Das Problem am ständigen Urteilen über Gut und Böse ist, dass man selbst schnell in die verzwickte Situation gerät, die Welt nur noch in schwarz und weiß zu sehen. Alles, was nicht der eigenen Auffassung entspricht, wird schwarz. Die eigene Gedankenwelt bleibt weiß. Und die verschiedenen Grautöne, die unter Umständen den Unterschied machen, werden einfach ausgeblendet.

Er macht auf mich einen sehr sympathischen Eindruck. Er hat ein freundliches Gesicht, ein nettes Wesen. Wahrscheinlich ist er ein guter Freund. Ein erstklassiger Kumpel. Ein Mensch, der sich für die Menschen, die er liebt einsetzt. Und ganz bestimmt setzt er sich für seine Überzeugungen ein. Luca ist ein Veganer. Er lebt die Idee des Veganismus. Er lehnt alle tierischen Lebensmittel als auch die Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ab. Eine Einstellung und Lebensweise, die ich persönlich zwar bewundere, die aber für mich derzeit nicht in Frage kommt. Aus Gründen, die alleine mich betreffen.

Besser? Schlechter? Nein. Nur anders.

Bin ich deswegen ein schlechterer Mensch? Darf man mich als schlechten Menschen bezeichnen, weil ich Fleisch esse? Oder bin ich, wie Luca es behauptet, Schuld am Tod des Bären, weil ich zu dem Zeitpunkt oder überhaupt einen Zoo besucht habe?

Nein. Ich denke nicht. Anders gesagt, ich bin davon überzeugt, dass ich kein schlechterer Mensch bin, nur weil ich Lebensgewohnheiten habe, die andere für sich als nicht richtig deklarieren. Ich bin der Überzeugung, dass es keine schlechteren oder besseren Menschen gibt. Ich denke, dass Menschen anders sind, was sie aber deswegen nicht zu schlechteren oder besseren Menschen macht. Sie sind „nur“ anders.

Schuld. Ein Naturgesetz?

Natürlich gibt es schuldige Menschen. Ohne Frage. Menschen, die anderen ihres Besitzes berauben. Menschen, die anderen im Vorsatz Gewalt zufügen. Oder schlimmer, Menschen, die Steuern hinterziehen. Diese Menschen können schuldig sein, doch steht es mir nicht zu, über diese zu urteilen. Wenn wir ehrlich sind. Das Urteil sollen Richter fällen, im Anschluss an einen fairen Prozess, in dem die Schuld zweifelsfrei festgestellt wurde.

Doch mir die Schuld am Tod eines Bären zugeben, den ich, wenn wir es ganz genau nehmen, nicht einmal gesehen habe, ist wohl gegen jede Logik. Doch ich mache Luca keinen Vorwurf. Er hat eine Lebensweise, eine Ansicht, in der eben genau, dass der Fall ist. Ich bin schuld am Tod des Bären, weil ich den Zoo besucht habe. Ehrlich gesagt, verstehe ich das nicht, aber das ist in Ordnung.

Schuld ist kein Naturgesetz. Schuld ist, sind wir mal ehrlich, eine Erfindung des Menschen. Ganz genau, eine Erfindung des Menschen um das gemeinsame Leben zum Teil zu regulieren. Daran ist nichts verwerflich. Interessant wird es allerdings, wenn wir „die Schuld“ verwenden um andere zu manipulieren.

Die Zuweisung von Schuld kann ganz praktisch sein.

Erklären wir jemanden für schuldig, tun wir das nicht selten, um in demjenigen ein schlechtes Gewissen hervorzurufen. Und Menschen, die ein schlechtes Gewissen haben, sind manipulierbar. Das ist bei Erwachsenen so und bei Kindern erst Recht. Sobald jemand ein schlechtes Gewissen hat, kann man von ihm Dinge bekommen, die man vielleicht sonst nicht bekommen hätte.

Ich persönlich glaube, dass Luca mir ein schlechtes Gewissen einreden möchte. Ich glaube, dass er unterschwellig versucht, mich mit seinem Kommentar zu manipulieren. Er redet mir ein, dass ich Schuld wäre am Tod des Bären um meine Lebensansicht komplett zu überdenken. Im Grunde genommen bin ich der Überzeugung, dass Luca mit seinem Kommentar eine gute Absicht hat. Nur leider funktioniert das bei mir nicht.

Trotzdem schenke ich ihm und seinen Worten in diesem Beitrag jede Menge Aufmerksamkeit. Und Energie. Energie, die ich sicherlich in andere Dinge investieren könnte. Allerdings bin ich Luca für seine Worte durchaus dankbar. Denn sie zeigen auf beispielhafte Weise, wie Menschen immer wieder versuchen, uns durch die Zuweisung von Schuld zu beeinflussen. Sicherlich war Lucas Ziel mein schlechtes Gewissen, verbunden mit der Hoffnung ich würde mich der veganen Lebensweise hingeben. Zugegeben, dass ist an dieser Stelle eine Unterstellung. Vielleicht hat er ganz andere Absichten, diese erschließen sich mir aber in keiner Weise. Dementsprechend gehe ich davon aus, dass meine Unterstellung (für mich) die richtige ist.

Lass Dir nichts einreden.

Zur Klarstellung: Ich schreibe hier nicht von Handlungen die vor dem Gesetz strafbar sind. Wenn Du jemanden bestiehlst, oder ihm vorsätzlich Gewalt zufügst, bist Du – sofern Deine Schuld zweifelsfrei von einem Gericht belegt wurde – schuldig.

Doch wenn Dir jemand eine Schuld einreden möchte, nur um Dir ein schlechtes Gewissen zu machen, um Dich zu manipulieren und zu beeinflussen, schenke ihm weder Aufmerksamkeit noch Gehör. Natürlich kannst Du darüber nachdenken, allerdings solltest Du Deine Entscheidungen immer ohne ein schlechtes Gewissen treffen, denn nur dann sind es wirklich Deine Entscheidungen.

Mich persönlich stört die Schuldzuweisung von Luca nicht im Geringsten. Mich interessiert es gar nicht. Und ich befasse mich in diesem Beitrag nur aus einem Grund damit. Einfach, weil ich zeigen möchte, wie Menschen mit unhaltbaren Schuldzuweisungen versuchen, Menschen zu beeinflussen.

Wenn Luca jetzt besser schlafen kann, weil er einen Sündenbock gefunden hat, ist das in Ordnung. Mehr noch. Es freut mich, denn ich weiß, dass er nun ein ruhiges Gewissen hat. Ich habe den Beitrag nicht gemeldet. Er muss auch nicht gelöscht werden. Er darf gerne dort stehen, wo er steht. Das ist für mich vollkommen okay. Eigentlich sollte ich Luca dankbar sein, denn er hat mir ein schönes Beispiel für ein Thema geliefert, was mir eigentlich doch schon lange auf dem Herzen lag.

Danke Luca. 😉

Jammern wir zu viel?
Was bleibt ist die Erinnerung

5 Kommentare

  1. 15. März 2017 at 14:08 — Antworten

    Hallo Torsten,

    super Artikel! Diese ständigen Unterteilungen in gut und böse, schwarz und weiß, sind manchmal schon sehr leidig. Schade, dass es für so viele Menschen nichts dazwischen gibt.

    Ich kann Menschen wie Luca durchaus verstehen. Zum Teil. Ich selbst bin auch keine Veganerin, nicht mal Vegetarierin, kann mir diesen Lebensstil für mich persönlich auch in keinster Weise vorstellen. Trotzdem verstehe ich, wenn man keine Tierprodukte in irgendeiner Form konsumieren will oder irgendetwas nicht unterstützen möchte, was Tieren potenziell Schaden zufügen könnte. Aber ich bin auch der Meinung, dass viele Veganer, aber auch viele Omnivore (so nennt man doch glaub ich die Menschen, die auch Fleisch essen, oder?), nur ihre eigene Lebensweise als richtig ansehen und dies der jeweils anderen bei jeder Gelegenheit aufzwängen wollen. Sei es wie in deinem Fall durch ein schlechtes Gewissen, durch Ignoranz oder irgendwelche Argumente. Manchmal habe ich das Gefühl, niemand versucht mehr auch nur ansatzweise seinen Gegenüber zu verstehen, verhöhnt und beleidigt stattdessen, nur weil es nicht den eigenen Werten entspricht. Schade.

    Aber so hast du, dank Luca, einen wirklichen tollen Artikel geschaffen. 😉

    Liebe Grüße
    Diandra

    • 15. März 2017 at 22:52 — Antworten

      Hey Diandra,
      Christoph Maria Herbst (Stromberg) ist veganer. Wusstest Du das? Es geht eben auch ohne andere zu missionieren. 😉
      Vielen Dank für Deinen Kommentar. 😀

      • 16. März 2017 at 10:17 — Antworten

        Hallo Torsten,

        nein, das wusste ich tatsächlich nicht. 😉 Geht alles, wenn man nur will!

        Liebe Grüße
        Diandra

  2. Heike
    15. März 2017 at 17:33 — Antworten

    Danke. Das Thema „Schuld“ beschäftigt mich derzeit sehr. Und Deine Worte bekräftigen meine Gedanken und machen es mir leichter mit sinnlosen Schuldzuweisungen umzugehen.

    • 15. März 2017 at 22:50 — Antworten

      Hey Heike,
      das freut mich, dass ich Dir in dieser Sache mit meinem Beitrag helfen konnte.
      Vielen Dank für Deinen Kommentar. 😉

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