Hochzeit

In dem Landhaus an der Bundesstraße 72 wird immer noch getanzt. Getrunken. Und gefeiert. Ganz bestimmt fegt die Braut mit ihrem wunderschönen Kleid gerade über das Parkett. Vielleicht stößt der Bräutigam mit seinen Kumpels auf die Hochzeit an. Vielleicht lachen sie über die Gesangsdarbietung der Männer, die eigentlich gar nicht so schlecht war. Im Gegenteil. Eigentlich war sie ziemlich cool. Auf jeden Fall eine ziemliche Erinnerung.

Vor ein paar Minuten habe ich die Gesellschaft verlassen. Ganz still. Ganz leise. Lediglich vom Brautpaar habe ich mich verabschiedet. Mit den besten Wünschen. Für die Zukunft. Jetzt sitze ich an meinem Rechner. Sichere die Daten. Spiegel sie von der Speicherkarte auf eine Festplatte. Eine doppelte Sicherung der Fotos finde ich gut. Das beruhigt mich. Und das Brautpaar. Wahrscheinlich. Keine Ahnung. Aber ich denke schon.

Und während der Rechner zu meiner Linken arbeitet und die Daten von F nach G kopiert, sitze ich hier. Schreibe diese Zeilen. Nutze die Zeit. Bearbeiten werde ich die Fotos heute nicht mehr. Sobald der Kopiervorgang abgeschlossen ist, gehe ich ins Bett. Morgen früh ist die Nacht vorbei. Ein neuer Tag beginnt. Und die nächste Hochzeit? Die ist bereits in Planung.

Auf der Hochzeit als Hochzeitsfotograf.

Eigentlich bin ich müde. Eigentlich wäre es an der Zeit ins Bett zu gehen. Jetzt. Nach der Hochzeit. Doch ich könnte nicht schlafen, wenn ich mir nicht sicher sein könnte, dass die Datensicherung reibungslos verlaufen ist. Also warte ich. Sicher ist sicher.

Noch gute zehn Minuten. Sagt der Rechner. Dann ist alles fertig. Dann kann ich ins Bett gehen. Schlafen. Nicht lange. Aber immerhin. Die Uhr sagt, dass es dann drei ist. Ziemlich spät. Oder früh. Je nachdem, wie man es sieht. Morgen um sechs klingelt der Wecker. Na gut. Eigentlich nicht. Aber der älteste kleine große Mann hier im Hause macht sich dann bemerkbar. Spielen. Mit Papa. Ihm ist egal, das die Hochzeit gestern wieder einmal die Nacht gekostet hat. Mir ist es auch egal. Ich bin Hochzeitsfotograf. Und das macht mir Spaß.

Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich
nie wahrgenommen worden wäre.
– Robert Bresson –

Ich achte auf die Kleinigkeiten. Die Kleinigkeiten, die das Ganze zu etwas Großem machen. Die Eltern, die sich zärtlich ihre Hände halten. Das Sektglas, an dem noch der Lippenstift der Braut klebt. Das Lachen der Großmutter, die so stolz auf ihre Enkelin ist. Die Finger des Gitarrenspielers, der gekonnt an den Saiten zupft und damit für Unterhaltung sorgt. Die Kellnerin, die gekonnt mit dem Tablett über das Parket fliegt – ohne auch nur einen Tropen zu verschütten.

Robert Bresson. Ein französischer Filmregisseur. Er hat einmal gesagt, dass man sichtbar machen soll, was sonst vielleicht verborgen bliebe. Nicht so. Anders. Aber genauso schön. Und genau das ist die Aufgabe des Fotografen auf der Hochzeit. Das sichtbar machen, was sonst vielleicht nie wahrgenommen worden wäre. Die kleinen Dinge. Die kleinen Details. Die Dinge und Momente die in ihrer Fülle genau das Glück ausmachen, was uns eigentlich allen so am Herzen liegt.

Mittlerweile ist es drei. Der kleine Fortschrittsbalken der Anzeige hat in einigen Sekunden sein Ziel erreicht. Die Daten sind gesichert. Die Fotos safe. Ich freue mich. Beende diesen Satz und gehe ins Bett. Morgen? Ist auch noch ein Tag.

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