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Was bleibt ist die Erinnerung

Spätsommer. Die Sonne steht tief, der Abend bricht an und der Tag neigt sich langsam dem Ende. Das majestätisch wirkende Segelschiff, dessen Silhouette man in der untergehenden Sonne erkennen kann, teilt das Wasser mit der Präzision eines Skalpells. Ich sitze auf einem Steg, der einige Meter in die Fluten des Meeres ragt. Meine Füße können die Wasseroberfläche nicht berühren. Nur wenige Tropfen erreichen meine Haut. Die ersehnte Abkühlung bleibt mir verwehrt. Doch das ist nicht weiter tragisch. Denn was am Ende bleibt, ist die Erinnerung. Die Erinnerung an einen wunderbaren Tag. Eine Erinnerung, in der selbst der Splitter, den ich mir auf diesem Steg zugezogen habe, eine ganze Geschichte erzählen kann.

Donnerstag. 16. März 2017. 9:00 Uhr. Mein DSL Router verabschiedet sich. Nach sechs treuen Jahren im Dauerbetrieb entscheidet er sich dazu, seinen Diensten ein Ende zu bereiten. Dementsprechend bleibt mir der Zugang zum Internet verwehrt. Außerdem bleibt das Telefon still. Das, was mir anfänglich etwas Angst bereitet, stellt sich nach kurzer Zeit als etwas Wunderbares dar. Des Weiteren bemerke ich zum ersten Mal die Stille, die unser Haus füllt, wenn ich ganz alleine bin. Kein Ton. Kein Geräusch. Niemandes Stimme unterbricht die Ruhe. Irgendwie merke ich, dass ich diesen Zustand auf die ein oder andere Weise doch vermisst habe.

An diesem Tag kann ich nicht arbeiten. Jedenfalls nicht effektiv. Ich bin ein Digital Native. Aufgewachsen in der digitalen Welt. Meine erste Webseite habe ich veröffentlicht, das war Facebook kein Begriff und YouTube lediglich eine Idee. Mein Büro befindet sich im Netz, meine Aufträge arbeite ich hier ab. Hier treffe ich Menschen, die sich für meine Leistungen interessieren. Doch an diesem Tag passiert nichts.

Der Wunsch nach Ruhe

Unsere Welt hat sich verändert. Sie ist nicht mehr das, was sie einmal war. Doch die Veränderung kam nicht über Nacht. Sie kam mit der Zeit. Und mit der Zeit kamen neue Gewohnheiten. Man sagt, der Deutsche blickt 88- mal am Tag auf sein Smartphone. 28 Millionen Menschen surfen jeden Tag auf Facebook. Und hätten wir einen zusätzlichen freien Tag pro Woche, würde sich ein Drittel von uns ausruhen. Ein Viertel würde die Zeit mit der Familie verbringen und nur jeder zwanzigste würde Medien nutzen.

Ich sitze an meinem Schreibtisch. Verloren blicke ich durch die weiße Wand in eine andere Welt. Ich verliere mich in meinen Gedanken und bekomme ein komisches Gefühl. Meine Freundschaftsliste auf Facebook zeigt mir über 400 Personen an. Ich bin mit Personen aus Deutschland, Frankreich, England und Irland verbunden. Diesen Menschen gewähre ich immer wieder Einblicke in den aufgeräumten und blank geputzten Teil meines Lebens. Ich stelle fest, dass ich überall bin. Und doch sieht die Wahrheit anders aus. Eigentlich bin ich nirgends.

Die Idee, etwas Sinnvolles zu tun, reißt mich aus meinem Gedankenkarussell. So verbringe ich den Tag offline. Draußen. Auf der Terrasse. Mit dem Hochdruckreiniger bringe ich den Platz auf Vordermann. Für den Sommer. Für die Augenblicke in Licht der untergehenden Abendsonne. Und mit der Erinnerung daran, tauchen die Bilder längst vergangener Tage wieder auf. Die Tage am Strand, mit dem Blick aufs Meer. Die Erinnerung an die untergehende Sonne, das Schiff, die Wellen und den kleinen Splitter im Finger, weil die Bretter des Steges in die Jahre gekommen waren. Und schließlich stelle ich etwas fest. Im Grunde genommen ist es so, dass Erinnerungen doch nur durch echtes Erleben entstehen. Jedoch frage ich mich, wie oft wir wirklich noch etwas echtes erleben?

Erinnerung entsteht durch Erleben

Wir halten alles fest. Jeder Augenblick wird aufgezeichnet. Denkwürdige Augenblicke betrachten wir durch das Display unseres Smartphones. Während wir mit unseren Freunden Zeit verbringen, tippen wir Texte für Menschen, die gerade nicht bei uns sind. Zudem haben wir Angst, etwas zu verpassen und so checken wir wieder unsere Timelines, nur um auf dem Laufenden zu bleiben. Doch während wir das tun, verpassen wir etwas, dass im Grunde genommen viel wichtiger ist und zwar das echte, wahre Erleben.

Während wir damit beschäftigt sind, unser Leben in den sozialen Netzwerken festzuhalten, fliegt die Zeit an uns vorbei. Jeden Tag. Jede Stunde. Wirklich jede einzelne Sekunde. Wann haben wir das letzte Mal einen Sonnenuntergang betrachtet, in dem wir einfach nur still am Rand gesessen haben? Wann habe ich mit jemanden das letzte Mal wirklich Zeit verbracht? Oder anders gesagt: Wann habe ich das letzte Mal wirklich Zeit mit mir verbracht?

Wie wäre es zum Beispiel, mit den Kindern eine Sandburg zu bauen? Oder mit Freunden ein Konzert zu besuchen, ohne die Akteure auf der Bühne nur durch das Display des Smartphones zu betrachten? Mit der Familie essen gehen? Oder mit den Nachbarn einen Grillabend veranstalten? Das alles sind Augenblicke und Momente, in denen echtes Erleben stattfindet. Allerdings sollten diese Momente auf jeden Fall analog stattfinden. Man muss sie mit niemanden teilen. Man sollte sie voll und ganz mit den eigenen Sinnen erleben. Was am Ende bleibt, ist eine Erinnerung. Mehr nicht. Aber diese Erinnerung kann ein Leben lang immer wieder Freude hervorrufen. Weißt Du noch? Damals?…

Gerade ich muss das sagen…

Im Grunde genommen ist es schon fast ironisch. Ich bin Blogger. YouTuber. Fotograf, teile meine Ideen, Texte und Gedanken in den sozialen Netzwerken. Ich drehe Daily Vlogs, poste Bilder auf Instagram, teile mein Essen mit meinen Freunden auf Facebook. Mein Leben findet online statt. Ich bin fast immer im Netz. Fast immer erreichbar. Und gerade ich schreibe davon, wie wichtig es ist, Erinnerungen durch echtes erleben zu erschaffen.

Freitag. 17. März 2017. 15:32 Uhr. Es ist klar. Die Post hat es nicht geschafft. Der neue DSL Router ist nicht angekommen. Infolgedessen hat die Stille immer noch einen Platz in unseren Räumen, die nur durch das Lachen der Kinder unterbrochen wird. Wir spielen Feuerwehr. Im Zimmer des Ältesten haben wir mit Decken und Matratzen eine Einsatzzentrale gebaut. Ich trage einen Feuerwehrhelm, der mir viel zu klein ist. Der Hauptfeuerwehrmann hat dazu die logische Erklärung.

„Das ist wichtig Papa. Es wird gefährlich. Und wenn es gefährlich wird, muss man einen Feuerwehrhelm tragen.“der vierjährige Hauptfeuerwehrmann

Es stimmt. Ich teile einen Teil meines Lebens im Netz. Ich schreibe Texte, die ich zum Beispiel hier auf dem Blog veröffentliche. Meine Fotos findest Du bei Instagram, meine Videos bei YouTube. Aber es gibt immer noch sehr viele Bilder, die niemand sieht. Die durch echtes Erleben zur Erinnerung werden. In meinem Kopf.

Irgendwann werde ich das letzte Mal diesen Helm tragen. Eines Tages werde ich unseren kleinen Hauptfeuerwehrmann zum letzten Mal ins Bett bringen. Es wird einen Zeitpunkt geben, an dem sich das kleine Buch mit den wunderbaren Gute Nacht Geschichten ein letztes Mal am Rand des Bettes schließen wird. Und was dann bleibt, ist die Erinnerung. Und diese wird mir für den Rest meines Lebens Freude bereiten. Weil ich es erlebt habe. Jeden einzelnen Augenblick…

Ich bin schuld am Tod des Bären
Incubo. Oder der Horrorfilm im dunklen Wald.

2 Kommentare

  1. 20. März 2017 at 10:55 — Antworten

    Wahnsinnig toller Artikel! Erinnert mich einmal mehr daran, dass ich meine Entscheidung einfach mal kein Smartphone, sondern ein uraltes Nokia-Backsteinhandy zu haben immer noch als für mich richtig erachte. Ich meine, Fotos kann man ja trotzdem machen, aber eben mehr für sich als weil man möglichst viele likes dafür möchte. Erinnerung ist einzigartig und sehr wertvoll. Danke für die Erinnerung daran am Morgen 🙂
    LG Scarlet ( https://scarlettheredsite.wordpress.com/ )

    • 20. März 2017 at 16:48 — Antworten

      Bitte. Gern geschehen. Freut mich, wenn Dir der Artikel gefallen hat. 😀

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