Kohlfahrt

Wenn zum Jahresende der erste Frost über das Land zieht, steigt im Norddeutschen immer ein Gefühl der Glückseligkeit auf. Denn mit dem ersten Frost beginnt die Vorfreude auf eine ganz besondere Zeit. Die Grünkohlzeit. Während dieser Zeit, meist vom ersten Frost bis Ende März ziehen in Niedersachsen und Bremen Fußgruppen mit bunt geschmückten Bollerwagen über das Land, trinken Schnaps, spielen seltsame Spiele und kehren anschließend in einem Gasthof ein um Grünkohl, Kassler und Pinkel zu vertilgen. Kohlfahrt in Norddeutschland.

In dem kleinen Gasthof am Rande des Dorfes klingelt das Telefon. Wie so oft in den letzten Tagen. Am anderen Ende der Leitung ertönt eine freundliche Stimme, die nachfragt, ob man am Wochenende für 12 Personen Grünkohl bestellen könne. Natürlich kann man. Es ist Grünkohlzeit. Und diese 12 Personen sind einige von vielen, die an diesem Wochenende ihre Kohlfahrt organisieren. Allerdings sind es, jedenfalls für dieses Wochenende, die letzten zwölf Personen. Die Plätze sind meist arg begrenzt und immer schnell vergeben.

Eine Kohlfahrt ist typisch norddeutsch. Außerdem immer ein riesiger Spaß. Und weil wir hier in Norddeutschland sind, oft auch ein feuchtfröhlicher. Meist gegen Mittag versammeln sich kleine Gruppen an einem vorher abgemachten Treffpunkt und gehen gemeinsam in Richtung Gasthof. Nicht unbedingt auf dem direkten Weg. Meist nimmt man einen Umweg in Kauf, auf dem nicht gerade viel Verkehr herrscht. Die Fußgruppen sind dem Wetter entsprechend gekleidet und auf jeden Fall zieht ein Bollerwagen vorweg. In diesem befinden sich meist Getränke. Schnaps. Bier. So etwas in der Art. Manchmal auch Wasser, aber nicht immer. Tatsächlich habe ich schon Kohlfahrten erlebt, bei denen man einfach komplett vergessen hat, alkoholfreie Getränke zu kaufen. Gestört hat es niemanden.

Eine Kohlfahrt die ist lustig. Ein Kohlgang der ist toll.

Nicht selten ist es der Fall, dass die Gruppe zwei Teams bildet. Zwei Teams, die auf dem Weg zum Ziel gegeneinander antritt. Denn während einer Kohlfahrt werden immer wieder kleine Pausen gemacht, in denen man gegeneinander spielt. Man kann Gummistiefel werfen, Kugelschreiber in Flaschen einführen – ohne Hand versteht sich – Ratespiele spielen und natürlich Kurze trinken. Es gibt aber auch die Möglichkeit, die Kohlfahrt mit einer Runde Bosseln zu verbinden. Aber auf das Bosseln gehe ich speziell an anderer Stelle noch mal ein.

Für jedes Spiel gibt es Punkte, die fein säuberlich notiert werden. Jedenfalls zu Beginn der Kohlfahrt. Ich habe schon Geschichten gehört, in denen am Ende niemand mehr wusste, wer überhaupt gewonnen hat. Aber wie gesagt, Geschichten. Ob es stimmt? Keine Ahnung. Allerdings sagt man manchmal auch: „Wer sich daran erinnern kann, der war nicht dabei.“ Aber auch das halte ich nur für ein Gerücht.

Die Kohlfahrt: Hoch lebe das Königspaar!

Der Kohlgang, die frische Luft, das gut gekühlte Bier und vor allem der Schnaps – Diese Zutaten sorgen dafür, dass (endlich am Ziel angekommen) jeder einen guten Appetit hat. Und es dauert gar nicht lange, bis große Töpfe voller Grünkohl, Salzkartoffeln, Kassler, Kochwurst und Pinkel auf dem Tisch stehen. Jetzt wird gegessen. Meisten soviel, dass man das Gefühl hat zu platzen. Ein wenig wie Weihnachten. Nur anders. 

Am Ende des Essens wird die Kohlkönigen und der Kohlkönig ermittelt. Wie? Das ist immer unterschiedlich. Manchmal liegt ein Zettel unter dem Teller, manchmal gibt es andere Möglichkeiten und letzten Endes spielt das „Wie“ auch gar keine Rolle. Hauptsache es gibt ein Königspaar. Dieses kann nämlich gleich den Tanz eröffnen, denn meistens schaffen es die Teilnehmer einer Kohlfahrt sogar, am Ende des Tages noch zu tanzen. Meistens. Nicht immer. Denn manchmal ist man einfach nur zu müde. Oder zu satt.

Fotos:
Bild 1: © andrea lehmkuhl / adobe.stock
Bild 2: © Dar1930 /adobe.stock

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