Die riesige Wiese, hinten, weit hinter den Siedlungen, den Straßen und all dem, was man Alltag nennt, ist frisch gemäht. Achtet man genau drauf, fliegt einem noch der Duft von frisch gemähtem Gras um die Nase. Die Jungs sind begeistert und freuen sich auf diesen Moment. Der Älteste nimmt das Flugzeug und wirft es gegen den Wind. Der Jüngste klatscht in die Hände und lacht. Vor Begeisterung.

Kinder entdecken die Welt mit ganz anderen Augen. Mit neugierigen Augen die immer wieder begeistert sind. Und vieles von dem, was für uns manchmal selbstverständlich erscheint, ist für sie etwas komplett Neues. Etwas Unbekanntes. Etwas Spannendes. Eigentlich, so denke ich manchmal, bin ich etwas neidisch, dass mir dieser Blick im Laufe der Zeit verloren gegangen ist. Nur manchmal, wenn ich etwas sehe, erlebe, fühle, dass ich so noch nie gefühlt habe, erinnere ich mich daran, wie es war, ein Kind zu sein.

Als meine Jungs mir vor ein paar Tagen, zu meinem Geburtstag, ein Geschenk überreichten, war ich wirklich überrascht. Es war ein großes Paket. In einfachem Papier wunderschön eingepackt. Darauf eine Karte. Mit einigen, wenigen Worten: Für unseren Papa, damit wir gemeinsam spielen können. Die beiden Jungs lachten, feixten und freuten sich. Und ich? Ich war gespannt. Wie ein Flitzebogen.

Ein Flugzeug aus Styropor

Als ich es auspackte, lachte mir ein Flugzeug entgegen. Ein Flugzeug aus Styropor. Flügelspannweite 85 cm. Grün. Schwarz. Und falls ich einige Fachbegriffe durcheinanderbringe und etwas Falsches aufschreibe, nehmt es mir nicht übel. Ich habe doch keine Ahnung. Aber ich freute mich und als die Jungs im Chor riefen: „Damit können wir auch spielen“, war mir schon fast klar, wer keine Chance hatte, es jemals wirklich selbst zu benutzen. Egal. Hauptsache, Papa ist dabei.

Heute. Kurz nach Mittag. Es war soweit. Die Jungs hatten ihr Mittagessen verputzt und sollten eigentlich eine kleine Mittagspause einlegen. Der Älteste schaute mich an und sagte, er habe eine bessere Idee. Dabei grinste er über beide Backen in Richtung Flugzeug. Eine gute Idee. Wir packten alles ein, zogen uns Jacken an, weil es schon wieder kalt geworden war und fuhren weit raus, wo wir niemanden störten. Auf eine riesige, frisch gemähte Wiese. Wir stiegen gerade aus, als der Landwirt mit seinem riesigen Trecker und seinem vollen Güllefass ebenfalls angefahren kam und auf – richtig – die Wiese fuhr.

Blöd. Irgendwie. Aber nicht änderbar. Und eigentlich wollten wir gerade wieder losfahren, als er die Tür seines Traktors öffnete und mich zu sich winkte.

„Moin.
Wenn ihr hier spielen wollt, dann fahr ich erst woanders hin. Dann habt ihr Zeit genug. Die Jungs sehen so aus, als wenn sie sich schon richtig freuen.“

Ganz plötzlich war ich sprachlos und dankbar. Und in dem Moment, als ich Danke sagen wollte, war er schon weitergefahren. Weit über die Wiese auf ein anderes Feld. Ich winkte ihm hinterher und er hupte. Alles war gut. Manchmal braucht man nicht viele Worte.

Irgendwann ist es das letzte Mal.

Eigentlich hätte ich andere Dinge tun können. Oder sogar müssen. Eigentlich hätte ich gar keine Zeit gehabt. Jedenfalls glaubte ich das zwischendurch. Aber all das, was ich noch erledigen musste oder wollte, konnte ich auch in den Abendstunden tun. Wenn die Jungs schlafen. Die Zeit, die man hat, die muss man nutzen. Denn eines Tages und der Tag kommt ganz bestimmt, werden sie mich das letzte Mal fragen, ob ich mit ihnen spielen möchte. Und danach habe ich nie wieder eine Chance. Jedenfalls nicht in jenem Sinn.

Eine gute Stunde haben wir auf der Wiese gespielt. Eine gute Stunde lang flog das Flugzeug durch die Luft und mindestens genauso oft stürzte es auch ab. Es hat deutliche Spuren davongetragen, Kratzer. Narben. Dellen. Und jede dieser Spuren erzählt eine Geschichte. Eine Geschichte, in der Spaß, Freude und gut genutzte Zeit den Anfang, den Hauptteil und das Ende bilden. Und wenn man mich fragt, sind das die schönsten Geschichten. Der Soundtrack dazu ist übrigens ein Kinderlachen. Etwas, das man mit keinem Geld der Welt bezahlen kann..

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