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Das Gefühl

Gefühlt ist dieser Sommer verregnet. Ständig sehe ich Wassertropfen, die zu Boden fallen. Mal schnell. Mal langsam. Aber immer wieder. Unterbrochen werden die Schauer durch Sonnenschein. Zugegeben. Manchmal ist es heiß, aber meistens ist es das nicht. Meistens ist es irgendwas dazwischen. Zwischen heiß und kalt. Irgendwas, das dem Herbst nicht unähnlich ist. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass das Laub an den Bäumen schon seine Farbe ändert. Jetzt. Im Juli.

Ich muss aufpassen. Mich macht so etwas traurig. Nein. Traurig ist das falsche Wort. Und ich glaube, ich finde kein Wort um das zu beschreiben, was es in mir auslöst. Es ist ein Gefühl, dass mich leer werden lässt. Leer an Emotionen. Es gibt keine Freude mehr. Aber auch keine Trauer. Es gibt keine Hoffnung mehr. Aber auch keine Angst. Es ist ein Gefühl der Leere, das man nicht beschreiben kann und das man nur kennt, wenn man es selbst erlebt hat. Dieses Gefühl ist wie die Thestrale, die eben nur für diejenigen sichtbar sind, die einen Menschen sterben sahen. Die Thestrale aus der magischen Welt. Die Thestrale aus dem Verbotenen Wald.

Dieses Gefühl ist der Grund, warum all das mache, was ich mache. Dieses Gefühl ist der Grund, warum ich schon seit Jahren keinen Alkohol trinke. Es ist ein dunkler Hund, der neben mir läuft und mich selbst in seinen Schatten stellt. Ein dunkler Hund der schon 10 Jahre an meiner Seite läuft. Ein dunkler Hund, den ich seit 10 Jahren versteckt halte, damit ihn niemand bemerkt.

Man sagt, es sei eine Krankheit

Am Anfang war es schwer. Sehr schwer. Und man stellt sich Fragen, die man sich nicht stellen sollte. Man macht sich Gedanken, über die man gar nicht nachdenken sollte. Aber so ist das nun mal. Und damit ist man nicht alleine. Es ist ein Gefühl, dass viele Leute als Krankheit betiteln, es aber nicht wirklich verstehen können. Ein Gefühl, dass sie nicht verstehen können, weil es eben nicht greifbar, nicht spürbar und vor allem nicht erklärbar ist.

Und manchmal, wenn es ganz schlimm wird, übernimmt das Gefühl den Verstand, vernebelt alles und zieht jedes andere Gefühl aus Dir heraus. Es legt sich über Dich, nimmt Dich in den Schwitzkasten und sagt Dir, dass es nur noch eine Lösung gibt. Nur noch einen Weg. Einen letzten Weg…

In diesen Momenten ist es nicht leicht zu erkennen, dass diese Annahme eine Falsche ist. Es ist nicht leicht zu sehen, dass dieser Weg in Wahrheit eine Gabelung ist und man immer eine andere Richtung einlegen kann. Oft ist dieser andere Weg mit Dornen verwachsen, mit Steinen überseht und mit Garantien gespickt, die Dir sagen, dass Du Narben behalten wirst. Doch jede Narbe wird eine Geschichte sein, die Dich daran erinnern wird, dass Du gekämpft und letzten Endes gewonnen hast.

Du bist nicht schwach

Und wenn die Leere über Dir ausbricht, Dir die letzte Hoffnung nimmt und Du langsam beginnst zu glauben, dass die Welt vielleicht ohne Dich besser dran wäre, fühlst Du Dich schwach. Einsam. Ungeliebt. Hoffnungslos. Du ziehst Dich zurück. Redest nicht mehr gerne. Und kannst nichts wirklich anfangen.

Doch das ist kein Zeichen von Schwäche. Das macht Dich nicht zu Verlierer. Es ist ein Zeichen, dass Du was ändern musst. Das Gefühl kam wie eine dunkle, ältere Dame zu mir. Mit einem großen Hut, der mich die Sonne nicht sehen lies. Mit einem schwarzen Kleid, dass jedes Licht lückenlos in sich aufsog. Sie setzte sich zu mir und gab mir ihre Hand. Ihre knochigen Finger waren kalt und ihr Blick war leer. Ihr Blick war leer und zog alles aus mir heraus. Bis ich nichts mehr spürte…

Als ich nichts mehr spürte, hörte ich hin. Ich hörte, was die Dame mir zu sagen hatte. Es war, als flüsterte sie und müsste die Worte von ihren Lippen ablesen. Und sie sagte mir, dass etwas falsch sei, dass ich Dinge ändern musste. Und seit diesem Tag sind die Veränderungen mein Schlüssel zum Licht. Der Schlüssel mit dem ich das Tor öffnen und den dunklen Hund ins Licht jagen kann.

Man kann damit leben

Ich habe nie drüber gesprochen. Ich habe es nur den wenigsten erzählt. Denjenigen, die mir wirklich am Herzen lagen und die mir wirklich etwas bedeuteten. Ich sprach nur mit den Menschen darüber, von denen ich wusste, sie würden mich nicht abstempeln. Bei einigen lag ich richtig. Bei anderen habe ich mich getäuscht. Aber so ist das im Leben und dadurch lernte ich, dass ich keine Erwartungen haben darf, denn sie sind der Schlüssel zum Leid. Also legte ich sie ab.

Manchmal erkannte ich, dass das Gefühl verschwindet, wenn man etwas drüberlegt. Also legte ich einen Film von Alkohol über meinen Geist und vernebelte damit jegliches Gefühl. Und wenn ich das tat, fühlte ich mich freier, besser, glücklicher. Doch am nächsten Tag, nachdem sich das Gefühl durch die Schicht aus Party, Glück und Alkohol nach oben gekämpft hatte, war es stärker als zuvor. Also beschloss ich, keinen Alkohol mehr zu trinken. Nie wieder. Und es war so, als würde man aufhören sich zu bewegen. Mit jedem Tag wurde das Gefühl schwächer und schwächer. Bis es irgendwann kaum noch spürbar war.

Manche Menschen sagten mir, ich müsse mal ankommen. Mich festlegen. Bei einer Sache bleiben. Und während ich darüber nachdachte, ob diese Menschen recht haben könnten, spürte ich das Gefühl. Und ich wusste, dass sie falsch liegen. Ab dem Zeitpunkt hörte ich damit auf, darüber nachzudenken, was andere über mich denken könnten. Denn das, was andere über einen denken ist nicht wichtig. Es spielt keine Rolle. Ich stellte fest, dass einzig und allein das zählt, was ich über mich denke.

Mein Leben

Ich liebe mein Leben. So wie es ist. Mit dem, was ich mache. Allerdings würde ich lügen, würde ich behaupten, dass das jeden Tag so ist. Es gibt Tage, da kehrt das Gefühl zurück. Der dunkle Hund legt dann seine Pfote auf mein Knie und zeigt mir, dass er da ist. Die alte Frau legt ihre kalten Hände in meinen Nacken und lässt mich spüren, dass es kalt werden kann. Dann stehe ich auf und tue irgendwas. Ich fotografiere, filme. Ich schreibe Texte. Manchmal werden diese Fotos nie gezeigt. Manchmal werden diese Filme nie gezeigt. Und oft werden die Texte nie gespeichert. Aber das macht nichts, denn es ist mein Weg mit diesem Gefühl, das man Depression nennt, umzugehen.

Das ist mein Weg, mit diesem Gefühl, dass eine Krankheit ist, umzugehen. Ich wurde mit Medikamenten behandelt, habe mit Ärzten gesprochen und Möglichkeiten in Betracht gezogen. Ich habe viel nachgedacht und erkannt, dass ich meinen Weg gehen muss und dabei genau auf die alte Dame hören sollte. Wenn sie kommt, dann flüstert sie mir leise, fast unhörbar zu, was gerade nicht richtig läuft. Und immer dann tritt eine Veränderung auf, die nach außen vielleicht unlogisch erscheint, in mir aber Sinn ergibt.

Mein Weg ist keine Lösung für jedermann. Sie ist meine Lösung. Mein Weg. Mein Weg, beruhend auf meinen Entscheidungen. Manchmal braucht man Hilfe von anderen Menschen. Von Menschen, die einem zuhören. Die verstehen, dass das Gefühl keine Schwäche – sondern eine Krankheit ist. Jedes Jahr im November geht von meinem Konto ein gewisser Betrag ab. Er fließt direkt auf das Konto des Vereins „Freunde fürs Leben“. Ein Verein, der sich dem Ziel verschrieben hat, über die Themen Suizid und seelische Gesundheit zu informieren. Auf der Webseite des Vereins findet man viele Informationen zu den Themen Depressionen und Suizid. Man findet Hilfestellen, Nummern und viel, was einem wirklich helfen kann.

Ich habe gelernt, mit diesem Gefühl zu leben. Ich weiß, was es bedeutet. Und wenn ich auf die Zeichen achte, auf Alkohol verzichte und das mache, was mich glücklich macht, ist alles gut. Selbst dann, wenn es mal regnet. So wie jetzt. Im Juli.

Ja gesagt.
Stand der Dinge

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